Trotz Fleiss kein Preis

Mit der Gegenwart und der Zukunft der Zahntechnik in Deutschland setzt sich ZTM. Herbert Stolle, Bundesvorsitzender des „Freien Verbandes Zahntechnischer Laboratorien“ (FVZL) in einem Brief an den „Deutschen Zahntechniker Verband“ auseinander.


Es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass der „Freie Verband Zahntechnischer Laborato­rien“ die Arbeit Ihres Verbandes stets mit kollegialer Sympathie begleitet hat. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir in Form dieses Briefes die Möglichkeit einräumen, zu der aktuellen Situation im deutschen Zahntechnikerhandwerk Stellung zu beziehen. Als Leitfaden meiner Gedanken möchte ich die letzte Ausgabe Ihrer Zeitschrift proDent 2-2000 heranziehen. Diese Ausgabe spiegelt in erschreckender Deutlichkeit die Probleme unseres Berufsstandes wider und ist – so habe ich das empfunden – Seite für Seite ein einziger Hilferuf.


Sie haben ein starkes Problembewusstsein entwickelt und gehen sehr gezielt auf Themen ein wie Preis- und Lohnentwicklung, Importware, Praxislabors, Prothetiker, Abrechnungsbetrug, Ausbeutung der Beschäftigten und Zukunftsprognosen für unser Zahntechnikerhandwerk.

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Kampf statt Anpassung

Hilfe – im eigentlichen Sinne des Wortes – werde ich Ihnen nicht leisten können. Statt dessen möchte ich Sie zunächst mitnehmen auf einen Rundgang durch die Welt der Berufs- bzw. Ge­sundheitspolitik. Ich verbinde damit die Hoffnung, dass ich Sie von Gemeinsamkeiten überzeu­gen kann. Dadurch würden wir in die Lage versetzt, ein wichtiges Ziel zur Verbesserung unser Situation zu definieren und im Idealfall gemeinsam durchzusetzen.
Grundsätzliche Übereinstimmung besteht zwischen uns sicher in der Feststellung, dass die Si­tuation der Zahntechniker in Deutschland besorgniserregend ist.
Als Reaktion bieten sich zwei Möglichkeiten an: wir ordnen uns unter, passen uns den Verhält­nissen an und machen damit das kritisierte System gängig oder wir wehren uns und kämpfen für eine Systemveränderung. Weshalb wir vom FVZL – und zwar in Übereinstimmung mit der Mehrheit der Leistungsträger im Gesundheitswesen – die zweite Antwort für richtig halten, möchte ich Ihnen ansatzweise in den folgenden Kapiteln verständlich machen.

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Wettbewerb ohne Gewinner

Ihre Forderung nach einer allgemeinen Preissenkung für Zahnersatz habe ich mehr als Glosse aufgefasst. Der Hintergrund ist dessen ungeachtet durchaus ernst zu nehmen. Denn schneller, als Sie es für möglich halten, dürfte Ihre ironisch gemeinte Darstellung bittere Wahrheit werden. Die uns aufgezwungene BEL-Preisobergrenze lässt Wettbewerb nur nach unten zu. Mit ande­ren Worten: es kann nur Verlierer geben. Hinweise auf Billiganbieter aus dem fernen Osten dürften angesichts der deutsch-deutschen Realität mehr exotischen Charakter haben. Der nahe Osten beginnt für uns an der früheren Zonengrenze. Unsere Brüder und Schwestern aus den neuen Bundesländern begreifen den ihnen aufgezwungenen Niedrigpreis inzwischen als Wett­bewerbsvorteil. Vor diesem Hintergrund erstirbt jede Motivation zu Spitzenleistungen; wer sie dennoch anstrebt, wird durch das kollektivistische System bestraft und in die roten Zahlen ge­trieben.

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Ausbeutung

Sie als Arbeitnehmervertretung der Zahntechniker in Deutschland können somit getrost für eini­ge Zeit Ihre Blütenträume von flächendeckenden Tarifverträgen, von gerechten und angemes­sen steigenden Löhnen, von mehr Urlaub und weniger Arbeitszeit vergessen. Das ist zwar himmelschreiend ungerecht, aber die logische Folge eines falschen Systems, das mit dogmatischer Unerbittlichkeit die Selbstheilungskräfte eines freien Marktes außer Kraft ge­setzt hat.
Schon jetzt hinken die uns aufgezwungenen Preise in zweistelliger Höhe hinter der betriebs­wirtschaftlichen Realität hinterher. Als unmittelbare Folge stagnieren die Löhne, werden trotz guter Auftragslage weitere Mitarbeiter freigesetzt, während der Rest bei unbezahlten Überstun­den zur 42-Stunden-Woche zurückkehren wird, bei gleichzeitiger Streichung der bisher noch gezahlten Urlaubs- und Weihnachtsgelder.

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Zahntechniker ohne Lobby

Wer auch sollte Ihnen und uns bei der Durchsetzung gerechter Forderungen helfen? Die Innungen, denen reihenweise die Mitglieder davonlaufen?
Die Handwerkskammern, die sich behäbig auf ihren zwangsweise eingetriebenen Beiträgen ausruhen und sich mit Vorliebe mit der Organisation von Fernreisen beschäftigen? Die Kran­kenkassen, die ihren Mitgliedern zwecks Vernichtung deutscher Arbeitsplätze fernöstlichen Pfusch empfehlen oder gar die Gewerkschaften, die sich in den Vorstandsetagen eben dieser Krankenkassen eingenistet haben und denen ein paar tausend arbeitslose Zahntechniker herz­lich gleichgültig sind ?
Erwarten Sie etwa von einem Unternehmer, der soeben sein Erspartes verfrühstückt hat und sich überlegen muss, woher er das Geld für die nächste Miete nimmt, dass er sich Gedanken macht über eine Gehaltserhöhung für seine Mitarbeiter?

Bleibt unsere derzeitige Regierung: doch wer rot-grün wählt, bekommt auch rot-grün heraus und das ist das Schlimmste, was unserem deutschen Gesundheitswesen passieren konnte.

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Berufspolitischer Kannibalismus
Die im Gesundheitswesen Beschäftigten versammeln sich unter dessen in dem budgetierten Haifischbecken und zelebrieren berufspolitischen Kannibalismus: Arbeitgeber gegen Arbeit­nehmer, die Linken gegen die Rechten, rot-grün gegen schwarz-gelb, Praxislabors gegen Ge­werbelabors, die Industrie überspielt den Handel und der wird von Einkaufsgemeinschaften eli­miniert, Akademiker gegen Prothetiker, Schwarzarbeiter gegen Steuerzahler, Korrupte gegen die Ehrlichen, GKVen gegen PKVen, Überstundenmacher gegen die Arbeitssuchenden ….. nur die Zahnärzte brauchten eigentlich keine Gegner, sie kämpfen gegen sich selbst.

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Intellektuelle Hochstapelei
Wie wohltuend wäre es gewesen, wenn unsere einzige offizielle Berufsvertretung, der Verband Deutscher Zahntechnikerinnungen (VDZI), die Zeichen der Zeit erkannt und sich zu einer Stra­tegie zur Befreiung von diesen Zwängen bekannt hätte. Statt dessen drängeln sich seine Funk­tionäre in irgendwelche systemtragende Ausschüsse – in denen sie nichts zu sagen haben -und führen akribisch ihre Statistiken über den Niedergang des deutschen Zahntechnikerhand­werks. Da nützt es auch wenig, dass man sich in der hauseigenen Hofberichterstattung der gu­ten Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern rühmt, dass sich der Vorsitzende mit „Herr Präsident“ anreden lässt und seinen Adlatus zum „Generalsekretär“ befördert. Aus meiner Sicht ist das nichts anderes als eine besonders peinliche Form intellektueller Hochstapelei.

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Praxislabor
Die besonders folgenschwere Unfähigkeit des VDZI zeigt sich in seiner zum Dauerbrenner ent­arteten Bekämpfung des Praxislabors. Sollte der VDZI dieses Ziel tatsächlich erreichen – was Sancta Apollonia verhüten möge – hätten die davon betroffenen Zahnärzte eine Vielzahl von Alternativen, die sich sämtlichst noch negativer auf die Situation des deutschen Zahntechniker­handwerks auswirken würden.
Wir vom FVZL akzeptieren statt dessen die Existenz praxiseigener Laboratorien. Der Begriff „Praxislabor“ muss allerdings rechtsverbindlich definiert werden. Unsere Erklärung ist inzwi­schen fast zwanzig Jahre alt und wurde schon damals mit dem Zusatz versehen, dass wir uns gemeinsam mit der Zahnärzteschaft und der Politik für eine wirkungsvolle Bekämpfung von Auswüchsen und Fehlentwicklungen einsetzen. Hier besteht aktueller und dringender Hand­lungsbedarf.

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proDente – eine verpasste Chance
Wenn sich viele der – wie eingangs beschrieben – im Haifischbecken versammelten Verbände dazu entschlossen haben, unter dem Titel „proDente“ gemeinsam Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, so wurde diese Initiative von uns, dem FVZL, ausdrücklich begrüßt. Sie entsprach einer seit langem von uns aufgestellten Forderung.
Bedauerlicherweise entluden sich die kurzzeitig gesammelten Kräfte zur falschen Seite. Anstatt die Ursachen unserer Misere zu bekämpfen, wurden die letzten Beitragsmillionen der Ver-bandsmitglieder durch banale Werbeaktionen für schöne Zähne sinnlos verplempert. Wer an­gesichts eines aufgezwungenen, expansionshemmenden und marktfeindlichen Budgets um­satzfördernde Aktionen zelebriert, deren „Erfolge“ zeitgleich zu einem Preisverfall führen müs­sen, hat von Marketing keine Ahnung! Er verhält sich wie jemand, der im Gefängnis für lebens­länglich Inhaftierte Urlaubsprospekte verteilt.

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Mit den Augen des Kunden
In Ihrer Verbandszeitschrift machen Sie mir den Vorwurf, ich würde bereits denken und reden wie ein Zahnarzt. Ohne es vielleicht zu wollen, haben Sie damit mir und unseren FVZL-Kollegen ein dickes Kompliment gemacht. Denn Marketing heißt, die Welt mit den Augen des Kunden sehen. Falls es Sie jedoch beruhigt: auch ich habe ein durchaus differenziertes Verhältnis zu „den Zahnärzten“.
Aber zum einen gehe ich damit nicht hausieren, zum anderen kann ich noch immer entschei­den, mit wem ich zusammenarbeite oder gar befreundet bin.
Vehement verwahre ich mich gegen die Heuchelei jener Laborinhaber, die nach dem Motto a-gieren: tagsüber den Kunden umwerben, um ihn nach Feierabend in die Pfanne zu hauen. Konkret gesagt: dass ein Laborinhaber zwecks Stabilisierung seiner Umsätze Zahnärzten ver­botene Rabatte anbietet, um sich anschließend bei den Ermittlungsbehörden über korrupte Zahnärzte auszulassen, ist als Höhepunkt der Kundenfeindlichkeit zu betrachten.
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Korruption als Folgeerscheinung
Natürlich wissen auch wir vom FVZL, dass die Auswüchse (Korruption, verbotene Rabatte, Nö­tigung, Abrechnungsbetrug) in letzter Zeit rapide zugenommen haben. Die tiefere Ursache die­ser Fehlentwicklung liegt jedoch in den falschen politischen Rahmenbedingungen. Diese wer­den u.a. als ungerecht, leistungsfeindlich und erdrückend reglementierend empfunden. Das Verhalten der Betroffenen wird als Notwehr betrachtet; ihr Unrechtsbewusstsein relativiert sich angesichts staatlicher Willkür.

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Politische Lösung
Zu Recht werden Sie mir an dieser Stelle die Frage stellen, wie es denn nun weitergehen soll mit der Zahntechnik/der Zahnheilkunde in Deutschland. Ich denke, dass die Chancen gar nicht so schlecht stehen. In jedem Fall wird es eine grundsätzliche politische Lösung geben müssen.
Politik ist jedoch – verzeihen Sie mir diese Binsenweisheit – die Kunst des Machbaren. Keine politische Partei wird es sich leisten können, als Steigbügelhalter von Lobbyisten zu gelten. Sie würde sich sehr bald an der 5 %-Grenze‘ wiederfinden. Die drei realpolitischen Kernfragen müssen lauten, welche der angestrebten Lösungen
•    langfristig durchsetzbar sind,
•   den Menschen den erhofften Nutzen bringen,
•   mehrheitsfähig gemacht werden können, was nichts anderes heißen soll, ob sich damit auch Wahlen gewinnen lassen.

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Darüber, so der ZTM Herbert Stolle, würde er gerne mit dem dzv diskutieren,- dann aber nicht nur in seiner Eigenschaft als FVZL-Vorsitzender sondern auch als Mitglied eines CDU-Fachausschusses für Sozial- und Gesundheitspolitik.