Rede zur FVZL-Jahreshauptversammlung 2012

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserer FVZL-Jahreshauptversammlung 2012 in dem uns inzwischen vertrauten Ambiente des schönen Gobelinsaales des Kastens Hotels Luisenhof in Hannover.

Bevor ich zu dem eigentlichen Inhalt meines Vortrages komme, möchte ich hier und heute eine Aussage machen, die machen zu dürfen mich mit großer Genugtuung erfüllt: Der „Freie Verband Zahntechnischer Laboratorien e.V.“ hat zweifellos die politische Führung des deutschen Zahntechnikerhandwerks übernommen! Mit seiner Forderung nach Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung demonstrierte der FVZL eindrucksvoll, wie effektiv und erfolgreich auch eine kleinere Gruppe agieren kann, sofern sie professionell und intelligent geführt, über einen hohen Grad an Loyalität und Einsatzbereitschaft ihrer Mitglieder verfügt und deshalb zunehmend mehr Sympathisanten um sich versammelt.

5Dafür möchte ich allen Kolleginnen und Kollegen, die zu diesem Erfolg beigetragen haben, sehr herzlich danken. Dieser Dank gilt insbesondere auch jenen, die über einen längeren Zeitraum ihre Beiträge verdoppelt hatten, die sich für Ehrenämter zur Verfügung gestellt hatten und namentlich meinen beiden Stellvertretern Carl Wesely und Thomas Eigenbrod, auf deren Unterstützung ich mich jederzeit verlassen konnte.

Ursache und Wirkung

Nachdem ich allmählich in das Alter komme, bei dem die Anzahl der Kerzen auf der Geburtstagstorte einen Beitrag zum Klimawandel leisten könnte, möchte ich von der Gnade der frühen Geburt Gebrauch machen und jenen jungen Kollegen, die – als das Unglück der deutschen Zahntechniker begann – noch in der Sandkiste spielten, drei meiner Schlüsselerlebnisse erzählen, die maßgeblich meine politische Ausrichtung beeinflussten.

1. Obwohl ich als Mitglied mehrerer Innungen keinem Vorstand angehörte, war ich als Inhaber des seinerzeit größten deutschen Dental-Labors eingeladen, an der ersten Verhandlung teilzunehmen, die nach der Einbindung unseres Handwerksberufes in die Reichsversicherungsordnung (RVO) zwischen Krankenkassen– und Innungsvertretern stattfand. Gleich zu Anfang richtete ich drei Fragen an die Krankenkassenfunktionäre.
a) Gibt es bei unserer Preisfestsetzung einen Inflationsausgleich?
b) Werden die notwendigerweise steigenden Löhne bei der Bemessung unserer Preise berücksichtigt?
c) Was ist, wenn sich die Verhandlungspartner nicht einigen können?

3Die Antworten der Krankenkassen waren unmissverständlich. „Für uns hat die Beitragssatzstabilität absolute Priorität. Löhne sind Sache der Arbeitgeber. Solange wir uns nicht einigen, gilt der bisherige Status weiter.“

Ich verzichtete auf den angebotenen Butterkuchen und ging. Ich ahnte, wir saßen in der Falle. Ein Gespräch mit dem Präsidenten des Bundeskartellamtes, der einschreiten wollte, aber nicht durfte, brachte Gewissheit. Danach gründete ich mit einem Dutzend Gleichgesinnter den „Freien Verband Zahntechnischer Laboratorien e.V.“.

2. Viele Jahre später. Unter den in Deutschland etablierten Bundesverbänden aus den Bereichen Mittelstand und Gesundheitswesen wuchs das Bedürfnis, sich gegenüber der Politik nachhaltiger und einheitlicher zu positionieren. Auf Vorschlag einiger mitgliederstarker Verbände wurde ich mit der Organisation und der Koordination der Gruppe, die sich den Namen „Gruppe Luisenhof“ gab, beauftragt.
Ich sammelte die Grundsatzprogramme der beteiligten Verbände ein und begann mit der Suche nach der Schnittmenge. Dabei ging ich von dem Harmoniebedürfnis der Basis aus, der auch ich mit unserem Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung angehörte. Aber ich hatte es nicht mit der Basis, sondern mit Verbandsfunktionären zu tun.

Schon bald musste ich feststellen, dass jeder der beteiligten Verbände ausschließlich daran interessiert war, sein eigenes Programm zum Maß aller Dinge zu machen. An einem Kompromiss war niemand ernsthaft interessiert.

33Erst später erfuhr ich, dass bereits vor mir zwei Persönlichkeiten mit großer Reputation ein gleiches Ziel angestrebt hatten und gescheitert waren.
Unser gemeinsames Fazit lautete: Es geht den Funktionären nur ums Geld, um Macht und um den Einfluss auf die Politik.
Der Mensch ist dabei nur Mittel zum Zweck. Er wird, nachdem man ihn lange genug untersucht hat, zum Patienten, dessen wirtschaftliche Ausbeutung das erklärte Ziel der Lobbyisten ist.

3. Mein drittes Schlüsselerlebnis hatte ich nach der letzten Bundestagswahl 2009.
Die Parteien rüsteten sich bereits Ende 2008 für den Wahlkampf zur Bundestagswahl im Herbst 2009. Bundes-gesundheitsministerin Ulla Schmidt bastelte noch an der Vollendung ihrer sozialistischen Blütenträume. Unser Versuch, ihr ein Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung schmackhaft zu machen, endete in einer emotional überlagerten Konfrontation.

Nach einer sorgfältigen Analyse der uns vorgelegten Grundsatzprogramme aller Parteien, fiel unsere Entscheidung eindeutig aus: Ein Jahr lang werden wir bundesweit werben für eine schwarz/gelbe Bundesregierung. Besonders in dem Programm der FDP erkannten wir eine vertrauensfördernde Deckungsdichte mit unserem Bild eines freien und selbstverantwortlichen Bürgers. In zahlreichen Gesprächen mit den Protagonisten aus diesem Lager festigte sich unser Vertrauen, zumal wir davon ausgehen durften, dass im Falle eines Wahlsieges der neue Bundesgesundheitsminister ein FDP-Politiker sein würde.

Dieser Ansicht müssen außer uns noch sehr viele andere Wählerinnen und Wähler gewesen sein. Das Wahlergebnis 2009 wurde zur Katastrophe für die SPD, bescherte der FDP mit 14,6 Prozent einen grandiosen Erfolg und sicherte der zukünftigen schwarz/gelben Bundesregierung eine komfortable Mehrheit.

Der neue Bundesgesundheitsminister wurde Philipp Rösler. Ich unterdrückte meinen Wunsch, sofort nach Berlin zu reisen, um die lang ersehnte Freiheit für das Zahntechnikerhandwerk einzufordern. Stattdessen befolgte ich die Empfehlung meiner politischen Berater: „Warte, bis der Pulverdampf der Siegesfeiern verflogen ist, bis die Akteure wieder nüchtern geworden sind und alle Pöstchen verteilt wurden.“

Ein paar Monate später kam es zu dem vereinbarten Gespräch zwischen Minister Rösler und mir. Der Inhalt ist mit wenigen Worten erzählt. Der Minister hatte keine Ahnung von der Situation der Zahntechniker und ihrer Forderung nach Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung. Sein Auftreten war arrogant, inkompetent und verlogen. Sein Kernsatz lautete: „Sie glauben doch nicht, dass ich Ihretwegen das Gesetz ändere?“
In dem Vorwort zu meinem daraufhin verfassten Bericht „Der Minister und der Meister“ prophezeite ich der FDP, dass sie, wenn sie so weiter machen würde, schon sehr bald unter der 5-Prozent-Grenze liegen wird. Dieser Prognose müssen sich außer uns noch sehr viele andere Wählerinnen und Wähler angeschlossen haben. Die FDP landete schon bald in den Umfragen deutlich unter 5 Prozent.

7Philipp Rösler, dieser Reststimmensammler der FDP, hatte bei uns jeden Respekt verloren. Inzwischen ist er zum Vizekanzler aufgestiegen. Man stelle sich vor, wenn die von uns sehr geschätzte Bundeskanzlerin krank werden sollte, wird Rösler der Chef! Das allein ist schon ein guter Grund, Frau Dr. Merkel allseits die beste Gesundheit zu wünschen.

Neuorientierung des FVZL

Für mich selber und in der Folge davon auch für unseren Verband begann 2011 die Zeit der Neuorientierung. Meine ursprüngliche Absicht, die Verbandsarbeit und die Tätigkeit als Geschäftsführer der neu gegründeten Dental-Stolle GmbH unter einen Hut zu bringen, scheiterte an einer Intrige, die mir aber gerade noch rechtzeitig bewusst gemacht wurde.
So konnte ich für den FVZL geradezu ideale Räumlichkeiten anmieten, als Liquidator der GmbH diese ohne große Verluste wieder auflösen und meine ganze Energie und Erfahrung ausschließlich der Politik widmen. Ich konnte genau das tun, was meine Widersacher verhindern wollten.

34Vor dem Hintergrund einer effektiven Büroorganisation, mit Unterstützung unserer qualifizierten und einsatzfreudigen Verbandssekretärin, überfluteten wir die deutsche Kollegenschaft mit Tausenden von Flyern, Informationen, Briefen und Zeitungsartikeln, die addiert die Millionengrenze überschritten. Auch die für uns wichtigen politischen Entscheidungsträger wurden in diesen Prozess der Aufklärung mit einbezogen. Über das Ergebnis unserer Aktivitäten werde ich Sie am Ende meiner Rede informieren.

Kommunikation heißt Verständigung

Was aber zunächst für uns und für unsere Forderung nach „Raus aus dem SGB V“ ungemein wichtig war, waren die zahlreichen Kontakte und die vielen Gespräche, die z.B. ich mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland führen durfte. Ich erhielt dadurch einen umfassenden und tiefen Einblick in die Gefühlslage dieser Kollegen und bin jedem zutiefst dankbar für das Vertrauen, das mir auf diese Weise entgegengebracht wurde.

Um die Erfahrungen aus diesen Gesprächen auch politisch umsetzen zu können, habe ich mir erlaubt, die Kollegenschaft in drei Kategorien zu unterteilen, allein schon deshalb, um daraus die Schlussfolgerungen zu ziehen, was ein durch und durch falsches Gesetz aus unserem ehemals soliden und erfolgreichen Berufsstand gemacht hatte.

Nach meiner Analyse, die nichts anderes ist als die Reflektion auf das Gehörte und Erfahrene, habe ich jeweils meine Einschätzung drangehängt:
Bei den „Unternehmern“ das Thema Krankenkassen, bei den „Philosophen“ das ambivalente Verhältnis der Zahntechniker zu den Zahnärzten und bei den „Ahnungslosen“ die unaufhörlich fortschreitende Entwertung des Meistertitels.

Unternehmer

Die „Unternehmer“ unter den Laborinhabern haben sich – unabhängig von der Größe ihres Betriebes – konsequent mit der neuen Gesetzeslage arrangiert. Mit Marketingstrategien, Kundenbindungsprogrammen, unter Einbeziehung globaler Möglichkeiten, häufig bis an die Grenze der Legalität, nicht selten auch darüber hinaus, haben sie alles getan, um ihren Betrieb, die Arbeits- und Ausbildungsplätze nicht zum Opfer einer staatlich verordneten Liquidierung ihrer Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung werden zu lassen.
Für die Politik haben sie nur Geringschätzung und Spott übrig. Wie einer unter ihnen mir gegenüber formulierte: „Wenn man mich daran hindert, mein Geld auf anständige Weise zu verdienen, muss ich es eben auf unanständige Weise verdienen.“

Mit unserer Analyse des wirtschaftlich-moralischen Zerfalls des Zahntechnikerhandwerks in Deutschland laufen wir bei diesen unternehmerisch denkenden und handelnden Kollegen offene Türen ein.
a) Unsere „Zwangs- bzw. Höchstpreise liegen im Vergleich mit ähnlichen Handwerksberufen etwa 42 Prozent zurück.
b) Die Löhne der Zahntechniker/innen wurden eingefroren und haben eine Abwertung von über 30 Prozent erfahren.
c) Es gibt auf dem Stellenmarkt immer weniger gute Techniker, eine Situation, die sich angesichts der dramatisch rückläufigen Ausbildungsverträge weiter verschärfen wird.

30Meine bereits vor drei Jahren aufgestellte Prognose über das Agieren der privaten Krankenkassen wird inzwischen auch von diesen Kollegen als ernste Bedrohung wahrgenommen. Unter Hinweis auf die mit der GKV vereinbarten BEL-Preisliste erstatten private Krankenversicherungen die freikalkulierten Preise der Dental-Labors (und auch die der Praxislabors …) nur noch in erheblich gekürzter Höhe. Aktuell zeigt sich, dass private Krankenversicherungen noch erheblich weiterreichende Aktivitäten entwickeln, um ihre Einsparinteressen im Hinblick auf die Laborleistungen durchzusetzen.

Nach dem Motto „Macht geht vor Recht“, schert sich die PKV dabei nur wenig um Urteile des Bundesgerichtshofes, der darauf hinwies, dass private Versicherungen nach ihrem eigenen Vertragszweck zu beurteilen seien. Ich wage eine erneute Prognose: Unsere Laienspielschar, bestehend aus Innungs- und VDZI-Funktionären, wird angesichts ihrer inzwischen offenkundig gewordenen Bedeutungslosigkeit der Versuchung nicht widerstehen, sich auch der PKV als Vertragspartner anzubiedern. Sie würden damit dem Trend der PKVen folgen, die schon jetzt mit preiswerteren Dental-Laboratorien kooperieren und mit entsprechenden Empfehlungen gegenüber ihren Versicherungsnehmern – die mit der Zusage der gesamten Übernahme des Eigenanteils gelockt werden – eklatant in die bisher freie Geschäftsbeziehung zwischen dem Zahnarzt und seinem Patienten eingreifen.

Was dadurch bei jenen Laboratorien angerichtet wird, die ihre ganze Existenz auf der Grundlage qualitätsorientierter Privattechnik ausgerichtet haben, muss ich hier nicht weiter erläutern.

Philosophen

Die Gruppe der „Philosophen“ hat den Verlust ihrer Individualität und Identität am schlechtesten verkraftet. Sie waren angetreten als freie Unternehmer mit allen Rechten und Pflichten und landeten als staatlich reglementierte „Leistungserbringer“. Sie mussten mit ansehen, wie während der letzten Jahrzehnte der Begriff Eigenverantwortung immer weiter erodierte und durch bürokratische Fremdverantwortung ersetzt wurde. Die Schwächung der Eigenverantwortung führte nicht nur zu einem Sinken des moralischen Niveaus dieser Kollegenschaft, sondern auch zu einem Verlust an Dynamik und Optimismus.
Die meisten dieser Kollegen halbierten die Anzahl ihrer Mitarbeiter, stellten keine Lehrlinge mehr ein und verabschiedeten sich in die innere Kündigung. Sie beteiligten sich – auch als Wähler – nicht mehr an dem politischen Leben, sondern widmeten sich vorrangig den Fragen „Wie lange muss ich noch bis zur Rente durchhalten, und hoffentlich finde ich einen Nachfolger, der mir mein Labor abkauft, denn sonst droht mir die vielzitierte Altersarmut.“

32Das ambivalente Verhältnis zwischen uns Zahntechnikern und den Zahnärzten war gerade in dieser Gruppe immer wieder Gesprächsthema. Einerseits hatten sich zu ihren Auftraggebern persönliche Freundschaften aufgebaut, andererseits stieg gerade bei diesen Kollegen immer wieder der Wunsch hoch, selber am Patienten zu arbeiten. Die Entwicklung in Österreich, wo der Gesetzgeber den selbständigen Zahntechnikermeistern/innen das Recht eingeräumt hat, Patienten prothetisch zu behandeln, nährte diese Hoffnung und ist nach meiner Einschätzung als Flucht vor der totalen Abhängigkeit zu verstehen.

In der Tat hat es die zahnärztliche Lobby während der letzten Jahrzehnte vermocht, die „Lufthoheit“ über die Zahntechniker in einer für uns existenzgefährdenden Weise auszubauen.
Am Anfang dieser Entwicklung hatte ich noch ironisch angemerkt, dass man, wenn man die Lufthoheit erringen will, wenigstens fliegen können muss. Heute gibt es unbemannte Drohnen … (Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, möchte ich Drohnenpilot werden. Dann könnte ich von Zuhause aus arbeiten.)
Aber im Ernst. Wenn man sieht, was der Inhaber eines gewerblichen Dental-Labors für schwere Prüfungen zu bestehen und bürokratische Auflagen zu erfüllen hat, bevor er in seinem Gewerbebetrieb eine Bruchreparatur im Auftrage eines Zahnarztes ausführen darf, während andererseits ein Zahnarzt, der schon während seines Studiums den Beweis erbracht hat, dass er für die Zahntechnik gänzlich ungeeignet ist, ungehindert ein Hundert-Mann-Labor betreiben darf, dann ist Handlungsbedarf angesagt.

Natürlich gibt es auch geldgierige Zahnärzte. Ihr statistisch überprüfbarer Anteil im Vergleich zu der Menge ihrer Kollegenschaft dürfte ähnlich groß sein wie der unter den Schornsteinfegern, Lokomotivführern oder Verwaltungs-angestellten, allerdings mit dem Unterschied, dass Zahnärzte aufgrund ihrer Zugriffsmöglichkeiten ihre diesbezügliche Neigungen erfolgreicher befriedigen können.

29Das ärgert besonders die Verwaltungsangestellten, die schon bei der Entgegennahme eines vergoldeten Kugelschreibers mit fristloser Kündigung rechnen müssen.

Und wo ich gerade dabei bin: Wenn Zahnärzte, durch das BGH-Urteil bestätigt, weder Beauftragte noch Amtsträger der Krankenkassen sein wollen, kann das niemand besser verstehen als ich.
Ihre klammheimliche Freude darüber, dass sie als Folge dieses Urteils auch nicht für die Entgegennahme von Bestechungsgeldern bestraft werden können, ist jedoch nicht nachvollziehbar. Meine Erfahrungen, die ich zu diesem Thema durch Gespräche mit den Spitzenvertretern der Zahnärzteverbände gemacht habe, haben mir gezeigt, dass deren Selbstverwaltung weder geneigt noch fähig ist, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Die Ahnungslosen

Die wirklichen Verlierer des uns aufgezwungenen sozialistischen Systems sind die „Ahnungslosen“. Innerhalb der Infrastruktur eines freien, marktwirtschaftlich agierenden Berufsstandes wären sie hervorragend qualifiziert – so wie das bei anderen Handwerks-
berufen auch der Fall ist – die Leitung einer Abteilung oder andere Führungsaufgaben, die keine letztinstanzliche, unternehmerische Verantwortung einschließt, zu übernehmen.

Die als Folge der Einbindung in das SGB V erfolgte wirtschaftliche Austrocknung unserer ohnehin mehr kleinen, mittelständischen Handwerksbetriebe, ließ jedoch die Einstellung eines Meisters nur noch selten zu. Das Ergebnis war, dass einerseits die auch noch staatlich subventionierten Meisterschulen einen Überhang an Meisterinnen und Meistern in den Markt pumpten, welche andererseits in den Laboratorien keine angemessen bezahlte Anstellung fanden und sich notgedrungen selbständig machen mussten.

Damit hatten diese Kollegen – von Ausnahmen natürlich abgesehen – die Stufe ihrer Inkompetenz erreicht. Wer das Peter-Prinzip kennt, weiß, wovon ich rede.
Nur sehr widerwillig beschäftigen sich diese Kollegen mit wirtschaftlichen oder gar politischen Grundsatzfragen unseres Berufsstandes. „Learning by doing“ bestimmt ihr Handeln. Und wenn sie sich tatsächlich zu Wort melden, dann nerven sie ihr Umfeld mit Stammtischparolen wie, man sollte das Praxislabor liquidieren, den Import von Auslandszahnersatz verbieten und alle Politiker nach Sibirien deportieren.

Ihre Entscheidung, aus der Innung auszutreten, ist selten das Ergebnis wohldurchdachter Standespolitik, sondern mehr dem Umstand geschuldet, dass sie die Beiträge nicht mehr bezahlen können. Wer diejenigen, die in ihrer Innung verblieben sind, nach dem Warum fragt, bekommt Erstaunliches zu hören: „Weil ich doch Lehrlinge ausbilden will … damit ich mit den Krankenkassen abrechnen kann … und ich erhalte regelmäßig das aktuelle BEL.“
Die Bewertung solcher Aussagen erfährt eine Art Relativierung, denn selbst Gesundheitsminister Rösler hat mir bei unserem Gespräch in Berlin ähnliche Dummheiten zugemutet. Aber schließlich ist bei uns in Deutschland selbst die Dummheit ein vom Grundgesetz geschütztes Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit.

21Dabei sind diese Kollegen unglaublich fleißig! Eine 60-Stunden-Woche ist keine Seltenheit, seit Jahren haben sie keinen Urlaub mehr gemacht und ihre Ehefrauen – sofern sie nicht schon davongelaufen sind – haben in ihrem früheren Job eine Halbtagsstelle angenommen, damit sie ihre Miete bezahlen können.

Wer nun glaubt, ich wolle mich über diese Kollegen lustig machen, hat nichts verstanden. Stattdessen bin ich zornig, unglaublich zornig, und werde jedem, der noch immer glaubt, unsere Forderung nach Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung blockieren zu können, das Ergebnis dieser Recherchen um die Ohren hauen. Wie zum Beispiel dem Vorsitzenden der IG-Metall Huber, der meine Forderung, etwas für die in Not geratenen Zahntechniker zu tun, mit dem Hinweis ablehnte, dass er im Einvernehmen mit den Innungen und einer HWK die Sorge hat, dass dadurch die Patienten zu sehr belastet würden.
Was man in diesem Zusammenhang wissen muss, dass die IG-Metall zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung vom DGB die Kompetenz zugesprochen erhielt, die Rechte der zahntechnischen Arbeitnehmer zu vertreten.

Abwertung des Meisters

Nicht ohne Grund komme ich deshalb zu einem Thema, das mich in Übereinstimmung mit den meisten meiner bisherigen kollegialen Gesprächspartner beschäftigt. Das ist die systematische Abwertung unseres Meistertitels. Nichts ist den Herrschenden suspekter als ein Bürger, der nicht auf die Segnungen unseres Wohlfahrtsstaates angewiesen sein will, sondern sich frei und selbstbewusst den Risiken seiner selbstbestimmten Unabhängigkeit aussetzt, anstatt das Angebot einer scheinbar komfortablen Stallfütterung anzunehmen.

18Die Meisterin, der Meister, von dem ich hier spreche, ist ein kluger, gebildeter, fachlich kompetenter Mensch. Als Unternehmer ist er verantwortlich für die Existenz seiner Firma, er sorgt durch angemessene Bezahlung für das Wohl und die Sicherheit seiner Mitarbeiter und deren Familien, er ist deren Motivator und ein Vorbild für seine Auszubildenden.
Mit anderen Worten, eine Horrorfigur für alle sozialistisch orientierten Politiker und Bürokraten, die dadurch ihre Existenz-
berechtigung in Gefahr sehen.

So wurde zunächst einmal die Ausbildereignungsprüfung eingeführt, die nichts anderes signalisieren sollte: Du Meister bist zu blöd, Lehrlinge auszubilden, ohne die von uns nachträglich verordnete und natürlich gebührenpflichtige Zusatzschulung.

Dann kam der Zwang zur Teilnahme an der „überbetrieblichen Ausbildung“, mit der die Innungen ihre überteuerten Ausbildungseinrichtungen finanzieren wollten und zugleich die Kontrolle über den Ausbildungsstand der Lehrlinge übernahmen. Wer sich weigerte, wurde damit bedroht, nicht zur Gesellenprüfung zugelassen zu werden.

Die Lehrlingsbetreuungsgebühr als „Strafgebühr“ für alle Betriebe, die nicht einer Innung angehören, war ebenso fragwürdig wie der Versuch der Handwerkskammern, eine Zweiteilung ihrer Gebührenordnung nach Innungs- und Nichtinnungsmitgliedern durchzusetzen.

Mit aufwendigen Marketingaktionen propagierte die Interessengemeinschaft der Abzocker die Notwendigkeit einer betrieblichen Zertifizierung und unterspülte damit zugleich die Kompetenz des Meisters.
Mit TÜV, ISO 9000 oder dem Q-AMZ-System des VDZI wird eine Art Ablasshandel betrieben, der mit der Parole arbeitet, nur ein zertifiziertes Labor ist ein gutes Labor. Ein Erfolgskonzept, verkündet die VDZI-eigene Propaganda. Die Wahrheit? 97 Prozent aller deutschen Laborinhaber haben sich davon nicht beeindrucken lassen und haben sich verweigert.

14Ich muss nicht ausdrücklich erwähnen, dass sich meine eigenen Laboratorien mit Erfolg all diesen Maßnahmen widersetzen konnten, manchmal jedoch erst durch die Einschaltung der Verwaltungsgerichte.

Dennoch darf die staunenden Kollegenschaft zur Kenntnis nehmen, dass sich ein VDZI-Vorstandsmitglied, Inhaber einer Würstchenbude und mit dem Horizont einer knienden Ameise ausgestattet, berufen fühlt, die Attraktivität des Zahntechnikerhandwerks zwecks Anwerbung von Auszubildenden mit „neuen Ideen“ und „frischem Wind“ zu erhöhen. Vermutlich meinte er damit das Angebot einer Handwerkskammer, bei der Gesellenprüfung zeitgleich die Prüfungsteile drei und vier der Meisterprüfung abzulegen. Oder er unterstützt jene staatlich subventionierten Meisterschulen, die ihre leerstehenden Plätze dadurch auffüllen wollen, indem sie die anschießenden Prüfungsinhalte so ausdünnen, dass auch jeder Volltrottel die Meisterprüfung bestehen kann. Wenn dann der glückliche Kandidat zugleich den Aufnahmeantrag für die Innungsmitgliedschaft unterschreibt, inklusive der Teilhabe am Q-AMZ-System mit einer lebenslangen Beratung durch eine innungseigene Selbsthilfegruppe, so wäre doch die Weltordnung unserer Funktionäre wiederhergestellt.

Wenn ich in meinen heutigen Ausführungen unsere Konfrontation mit den Funktionären aus dem Lager der Innungen und ihres VDZI nur am Rande gestreift habe, so deshalb, weil zu diesem Thema bereits mehrfach alles gesagt wurde. Außerdem wird es allmählich langweilig, sich an einem Gegner zu reiben, der nicht satisfaktionsfähig ist.

Erfahrungen

Eine für mich wichtigere Aufgabe wird sein, mich um das Schicksal jener angestellten Zahntechniker zu kümmern, die nach der Auflösung des „Deutschen Zahntechniker Verbandes“ (dvz) in den Tiefen eines Großverbandes verschollen sind. Meine als Unternehmer immer wiederholte Aussage „ohne meine Mitarbeiter wäre ich ein Einmannbetrieb“ wirkt bis heute nach.

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, es kann nicht ausbleiben, dass ich als politisch denkender und aktiver Mensch auch zu anderen Problemen, die unser Land bewegen, befragt werde.

19Ich muss Sie enttäuschen. Nicht weil, sondern obwohl ich sehr viel lese und höre, verbeuge ich mich in Demut vor den Grenzen meiner Erkenntnisfähigkeit. Ich kenne zum Beispiel die Meinung kluger Politiker, die sich für den Euro aussprechen, ebenso wie die Auffassung anerkannter Wissenschaftler, die dagegen sind. Ich hielte es für anmaßend und dumm, mich nach Gefühl für den einen oder anderen zu entscheiden.

Allerdings erinnere ich mich noch deutlich an mein eigenes Italien-Abenteuer als Unternehmer. Auf dem Höhepunkt meiner beruflichen Ausbreitung hatte ich in Norditalien gemeinsam mit einem Kollegen aus Italien ein Dental-Labor gegründet.
Durch meine gelegentlichen Auftritte als Meister habe ich die Italiener kennen und schätzen gelernt. Sie sind liebenswürdig, fröhlich, gastfreundlich und fleißig. Nur in einem Punkt fanden wir nicht zusammen. Was wir in Deutschland als strafrechtlich relevantes Verhalten einordnen, Korruption und Steuerhinterziehung, gilt unter den Italienern als Volkssport. Nach einem Jahr, im Zusammenhang mit unserer ersten Bilanzbesprechung, habe ich meine Laboreinrichtung wieder abtransportieren lassen und den Verlust als Lehrgeld abgeschrieben. Mein Fazit: Italienische Politiker sind wie die Windeln. Man muss sie regelmäßig austauschen – und zwar aus denselben Gründen.
Wenn Ihnen also, verehrte Zuhörer, demnächst ein deutscher Politiker begegnet, der völlig überrascht und schockiert ist, dass nun auch der Italienische Staat kein Geld mehr hat und unter den Rettungsschirm muss, dann können Sie getrost davon ausgehen, dass dieser Politiker entweder ein Vollidiot oder ein verdammter Lügner ist.

Die Zukunft gehört uns

Keine Lügner sind hingegen jene deutschen Politiker, die uns ihre Zustimmung zu unserer Forderung nach Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung versichert haben. Dazu gehört der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der schon als Bundesgesundheitsminister 1998 zu unserem Freund wurde und der sich als Schutzpatron der fleißigen und ehrlichen Handwerker erwies. Das wird ihm auch bei der nächsten Landtagswahl viele Sympathisanten einbringen.
27Dazu gehört aber auch unser neuer Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, der klüger und kompetenter als sein Vorgänger erkannt hat, welch intrigantes Spiel man mit uns Zahntechnikern gespielt hat. Seine Zustimmung zu unserer Forderung nach „Raus aus dem SGB V“ hat er mir während unseres persönlichen Gespräches in Hannover versichert. Und ich glaube ihm. Denn es geht hier nicht nur um das Schicksal der deutschen Zahntechniker, sondern auch um das Überleben der FDP.

Als langjähriges und aktives Mitglied der CDU habe ich im Laufe der Jahre genügend Zustimmung unter meinen Parteifreunden gesammelt. Eine Partei, deren Protagonisten weltweit unterwegs sind, um anderen Völkern die Demokratie nahe zu bringen, ihnen die Segnungen der Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung zu vermitteln, wird nicht im eigenen Land einen ganzen Handwerksberuf einer Politik opfern, die sie noch vor der letzten Bundestagswahl als „sozialistische Fehlentwicklung“ gebrandmarkt hatte.

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, ich komme nunmehr zum Schluss meines Plädoyers. Ich habe nichts anderes gemacht, was jeder unter Ihnen ohne Angst vor Strafe und Verfolgung, geschützt durch den Artikel Fünf unseres Grundgesetzes auch machen kann; ich habe meine Meinung gesagt. Als Rhetoriktrainer weiß ich, dass oftmals der Unterschied zwischen dem richtigen und dem beinahe richtigen Wort der gleiche ist, wie der zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen. Aber dort, wo Überzeugung und Wahrheit die Sprache prägen, kann auch ein nur beinahe richtiges Wort keinen Schaden anrichten!

Wir haben die wichtigsten Entscheidungsträger von unserer Forderung überzeugt. Wir haben alle Argumente unserer Gegner entkräftet. Wir befinden uns auf der Zielgeraden. Wenn wir jetzt die Gunst der Stunde nicht nutzen, wird das deutsche Zahntechnikerhandwerk auf nicht absehbare Zeit weiter verelenden.

4Aber für diese letzte Strecke, die unsere finanziellen Möglichkeiten übersteigt, brauchen wir die aktive Unterstützung gleichgesinnter Kolleginnen und Kollegen. Einhundert weitere Vollmitglieder (unter den 6.500 Laborinhabern, von denen die meisten schon nicht mehr ihrer Innung angehören) würden ausreichen, um die materiellen Pflichten dieser Endphase abzusichern. Nicht irgendwann, nicht übermorgen, sondern sofort!

In meinem inzwischen tausendfach verbreiteten Artikel „Selbst drei Prozent sind noch zuviel“, in dem ich mich mit der FDP und dem Amtseid ihres Bundesministers Rösler auseinander setzte, habe ich diesem Amtseid, der mit „so wahr mir Gott helfe“ endete, weit weniger dramatisch, aber nicht minder eindeutig, als Zahntechnikermeister und Bundesvorsitzender ein Versprechen entgegengesetzt:
„Ich werde meine ganze Kraft all jenen widmen, die ehrlichen Herzens für die Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung eines freien Bürgers eintreten.
Ich werde sie gegen jeden verteidigen, der ihre im Grundgesetz verankerten Rechte missachtet und ihnen aus Eitelkeit oder Machtgier Schaden zufügt.
Ich werde versuchen zu verhindern, dass wir bei der nächsten Wahl wieder belogen und betrogen werden, und ich werde dafür sorgen, dass für jeden, der das versucht, bereits drei Prozent zuviel sein werden.“

Illustrationen: A. Albrand