Brief an die Kollegen

ZTM Herbert Stolle

Cuxhaven, im Juli 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Während der letzten Monate, in denen unser Druck auf die politischen Entscheidungsträger immer intensiver wurde, erreichten mich auch zahlreiche Briefe von Laborinhabern/innen, die mir ihre Existenzängste anvertrauten.

Die häufigste an mich gerichtete Frage lautet, was der FVZL für den nach einem Ausweg suchenden Kollegen tun kann. Nun, mit unserer Forderung nach Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung schaffen wir zwar kein Paradies, wir bereiten jedoch die Basis vor, auf der jeder Unternehmer seine Fähigkeiten ohne staatliche Einmischung entfalten und nach seiner Façon glücklich werden kann.

Sie kennen so gut wie ich die verhängnisvollen Auswirkungen der Einbindung in das SGB V auf unseren Handwerksberuf. Die uns verordneten BEL-Zwangspreise hinken im Vergleich zu anderen Handwerksberufen mit minus 42 Prozent hinterher. Der Rückgang der Durchschnittslöhne liegt bei über 30 Prozent. Allein der statistische Einnahmerückgang pro Dental-Labor addiert sich pro Jahr auf 100.000,- Euro. Während sich die Einnahmezuwächse anderer im Gesundheitswesen etablierter Verbände während der letzten zehn Jahre zwischen 15 bis 50 Prozent bewegen, ist der Zahnersatz abermals um 10 Prozent geschrumpft. Es ist der blanke Hohn, wenn uns die Krankenkassen großmütig eine Preiserhöhung von 0,3 Prozent p.a. genehmigen, mit dem Hinweis, dass wir damit laut SGB V einen verantwortungsvollen Beitrag zur Beitragssatzstabilität der GKV leisten. Das sagen dieselben Kassen, deren Guthaben inzwischen auf 20 Milliarden Euro angewachsen ist!
Ich prophezeie Ihnen, dass sich demnächst auch die Privatkrankenkassen mit einer „Höchstpreisliste à la BEL“ durchsetzen werden. Damit wäre für uns Zahntechniker der letzte Fluchttunnel, der uns noch ein paar Euro Gewinn brachte, zugeschüttet worden.

Ich muss Ihnen nicht erklären, dass es unter diesen desolaten Verhältnissen immer weniger einsatzbereite Mitarbeiter gibt. Alarmierend und bezeichnend zugleich ist der Rückgang der Ausbildungsplätze.
Hier stehen wir bei ohnehin rückläufiger Nachfrage in Konkurrenz zu wesentlich attraktiveren Ausbildungsberufen und werden uns damit abfinden müssen, dass niemand mehr Zahntechniker/in werden möchte. Macht auch nichts; allein China wird dieses Defizit spielend kompensieren.

Damit wären wir bei dem Handel mit Billig-ZE. aus dem nahen und fernen Osten. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich unsere dafür verantwortlichen Politiker mehr Gedanken machen um die Schaffung neuer Arbeitsplätze in China, als um die Erhaltung deutscher Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Hinzu kommen noch u.a. die Konkurrenz der Praxislabors, wo in jeder Besenkammer oder einem Kellerloch unkontrolliert, aber gewinnmaximierend gepfuscht werden kann.

Um Zahnersatz herstellen zu können, reichen inzwischen auch die Kenntnisse eines Computerfreaks. Daraus ergibt sich für uns Laborinhaber die Frage, weshalb wir noch den Meisterbrief vorweisen müssen, um schließlich als Servicestation für schnelle Reparaturen zu enden. Institutionen wie z.B. die Handwerkskammern oder der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH), die sich traditionell für die Interessen eines in Not geratenen Handwerksberufes einsetzen müssten, bleiben untätig und berufen sich dabei auf die Aussagen der Zahntechnikerinnungen und ihres Dachverbandes VDZI, die weiterhin an der Einbindung im SGB V festhalten.

Meine bisherigen Gespräche mit dem jeweiligen Präsidenten des Bundeskartellamtes brachten eine spontane Übereinstimmung bei der Beurteilung kartellwidriger Vorkommnisse. Lediglich die vom Gesetzgeber nach wie vor so gewollte Einbindung des Zahntechnikerhandwerks in das SGB V hinderte das Bundeskartellamt daran, in unserem Sinne tätig zu werden.

Als krönenden Abschluss meines heutigen Briefes an Sie darf ich den aktuellen Beschluss des Bundesgerichtshofes (BGH) zitieren. Danach sind z.B. Zahnärzte weder Amtsträger noch Beauftragte der gesetzlichen Krankenkassen. Das heißt, dass sie sich nicht strafbar machen, wenn sie als Gegenleistung für ihre Auftragsvergabe an ein Dental-Labor „Geschenke“ entgegennehmen. Welch eine Erleichterung für viele unserer Kollegen. Sie dürfen in Zukunft ihre Bestechnungsgelder ganz offiziell von der Steuer absetzen.

Bei unserer Forderung „Raus aus dem SGB V“ hat es inzwischen kein Argument unserer politischen Gesprächspartner gegeben, das wir nicht überzeugend widerlegen konnten. Dennoch werden wir den endgültigen Durchbruch nur mit Ihrer Hilfe schaffen! Denn die Innungen und ihr VDZI behaupten unter Hinweis auf ihre Mitgliederzahlen, die Interessen des gesamten Zahntechnikerhandwerks zu vertreten. Sie wollen im SGB V bleiben!

Die Entscheidung liegt jetzt bei Ihnen. Treten Sie aus der Innung aus. Werden Sie Mitglied im FVZL. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Dieses letzte Hindernis zu mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung können wir nur mit Ihrer Hilfe überwinden. Darum bitte ich Sie.

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
bleibe ich
Ihr-Herbert-Stolle

Herbert Stolle
Bundesvorsitzender